"Suchet der Stadt Bestes" in der Tübinger Motette
Jeden Samstag um 20 Uhr findet in der Stiftskirche Tübingen die Motette als ‚Geistliche Musik in liturgischer Form‘ statt. In der Motette erklingen hochklassige Chor-, Orgel- und Instrumentalmusik unterschiedlicher Stile. Psalm, Schriftlesung, Gebet sowie ein Gemeindelied sind feste Elemente dieses musikalischen Abendgottesdiensts. Eintritt frei, Spende erbeten.
Die Tübinger MOTETTE prägt das kulturelle Leben Tübingens seit 1945. Sie greift Themen und Feste des Kirchenjahrs auf. Zwischen 250 und 1.400 Zuhörer/innen, Menschen allen Alters und sozialer Hintergründe, schätzen das Miteinander von Musik und Theologie. Zahlreiche Tübinger Chöre und Ensembles nutzen die Motette als Plattform.
Über das Programm
Mitten in der Krise: bauen, pflanzen, lieben. Der Prophet Jeremia richtet diesen Auftrag an Menschen, die ihre Heimat verloren haben und im babylonischen Exil leben. Ausgerechnet dort sollen sie Häuser bauen, Gärten pflanzen, Familien gründen und „der Stadt Bestes“ suchen. Nicht auf bessere Zeiten warten, sondern Verantwortung für die Gegenwart übernehmen.
Was aber ist „der Stadt Bestes“? Der Tübinger Kammerchor Vokalkunst unter der künstlerischen Leitung von Daniel Radde geht dieser Frage mit A-cappella-Werken des 20. und 21. Jahrhunderts nach. Die Stadt wird dabei zum Prüfstein menschlicher Gemeinschaft. David Lang erzählt von einem Kind, das unbeachtet auf der Straße erfriert, und gibt der Klage um sein Schicksal Raum. Bei Rudolf Mauersberger gilt die Klage einer ganzen Stadt: dem biblischen Jerusalem, dem zerstörten Dresden und darüber hinaus jeder Stadt, die dem Krieg zum Opfer fällt. Henrik Dahlgrens Vox in Rama führt schließlich an einen biblischen Ort, an dem Klage, Verschleppung und Heimatverlust zusammentreffen.
Damit stellt sich auch die Frage nach denen, die Gewalt sehen und geschehen lassen. Peter Michael Hamels Wir klagen an erinnert an Auschwitz, Dachau, Hoyerswerda und Rostock und fragt nach Schweigen und Wegsehen. Rolf Lukowsky benennt die Folgen des Krieges und mahnt: „Lasst einen Krieg nicht zu!“
Caroline Shaw setzt diesen Erfahrungen die ausgestreckte Hand der Freiheitsstatue entgegen: ein Versprechen von Aufnahme und Zuflucht. So bleibt Jeremias Auftrag eine Herausforderung an die Gegenwart: Die bessere Stadt ist keine ferne Utopie. Sie beginnt dort, wo Menschen einander nicht gleichgültig sind.
David Lang – come, daughter
Rudolf Mauersberger – Wie liegt die Stadt so wüst
Rolf Lukowsky – Des Krieges Buchstaben
Caroline Shaw – Her Beacon-Hand Beckons
u. a. Werke




